PRIVATSPHÄRE

 

Beginnt irgendwo

Zwischen Steuerhinterziehung

Jugendsünde und Deodorant

 

Zelebriert sich in Menschenrechten

Polit-Talk-Runden und andern Gelübden

 

Endet allerspätestens

Nächsten Sonntag

Punkt 20.15 Uhr

Wenn dich der TATORT-Mann

Ins Fadenkreuz nimmt

Und sich in jeder Stube umschaut

 

(September 2013)

 

DAS ERSTE GRAUE HAAR

 

Auf einem schwarzen Kopfe war

Einmal ein erstes graues Haar.

Es ließ den Blick rundum sich schweifen

Und konnte es fast nicht begreifen:

„Gott, alles kommt in schwarz, doch schau:“

„Nur ich allein, nur ich bin grau“,

Stand kurz zu Berge noch und schon

Verfiel es in die Depression.

 

Nun kam es, dass der Kopf sich traute

Und einmal in den Spiegel schaute.

Das Haar, dabei auf Schritt und Tritt,

Das schaute notgedrungen mit.

Doch als es sich nach vorne reckte

Na hallo, was es da entdeckte!

Es glaubte seinen Augen nicht:

Und doch! Da lachte im Gesicht

Die erste Runzel - nicht extrem,

Doch immerhin, na ja, trotzdem ...

 

So kam es, dass das graue Haar

Getröstet und beruhigt war,

Es atmete erleichtert auf

Und dachte: „Menschheit, prost darauf!“

„Bin nicht das Einzige auf Erden“

„Das halt verdammt ist alt zu werden.“

(September 2013)

 

DER SIEBTE TAG

 

Sechs brauchte der Herr

Um die Erde zu erschaffen

 

montags

Himmel, Natur und Bier

 

dienstags

Politiker und andere Stechmücken

 

mittwochs

Tinnitus und die falschen Lottozahlen

 

donnerstags

die weiblichen 90-60-90 und den letzten Parkplatz

 

freitags

Murphy’s Gesetz und das schlechte Gewissen

 

Und am Samstag das perfekte Timing

 

Gerade noch rechtzweitig

Denn als er am siebenten Tag ruhte

War es genau Sonntag

 

(August 2013)

 

NACH ALL DEN WILDEN JAHREN

 

Früher,

Ach du früher!

Wer hat nicht

Auf die scharfe Rothaarige

Mit dem urgeilen Knackarsch

Ein Auge geworfen?

 

Und heute,

Ach ja heute!

Heute monokelt man sich

Durch Feuilletonromane,

Prospektangebote

Und Packungsbeilagen

Zu Risiken und Nebenwirkungen

(August 2013)

 

POSITIVE LIFE !

 

Hast du dich

Zwischen zwei Stühle gesetzt

Genieße ihn

Den Vorteil des Nachteils

Ist doch da oben

Die Luft viel dünner

Und wirst du hier unten

Bei Regen

Später nass 

(August 2013)

 

NUR 10.000

  

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir

Sagte einstens Gott zu mir

Gehe hin und pass auf wohin du gehst

Denn ich habe dir nur

10.000 Schritte gegeben

 

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir

Sprach er weiter dann zu mir

Schaue hin und sieh zu wohin du schaust

Denn ich habe dir nur

10.000 Blicke gegeben

 

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir,

Sagte er schlussendlich mir

Tu was du willst doch gib acht was du tust

Denn ich habe dir nur

10.000 Ausreden gegeben

 

(August 2013)

 

ABSTRAKTE KUNST

  

Nein

Das Bild hängt verkehrt herum

Widersprach sie mir

Lauthals

Überzeugt

UND WENN DU DICH

AUF DEN KOPF STELLST !

 

Da schritt ich hin

Stellte mich auf den Kopf

Und hatte doch recht

(August 2013)


DER STUHL

 

Die Theorie sieht

Das vierbeinige Fußgestell

(statiksbedingt)

Rechtwinklig zu einer quadratischen

Eher leicht trapezförmigen Fläche

(je nach Konvenienz)

Und hinterfrontlich

Eine bis zu 97° geneigte Lehne

(mit dem Zeitgeist poussierend)

In geschwungener Verhöhung

Eben dieser oben genannten Fußbeinen

 

Für den Praktiker

Ist es

Ein Ding zum Sitzen

(August 2013)

 

UND SIE DREHT SICH DOCH !

  

Behauptete er

Dieser Galileo Galilei

Verbohrt

Der Kerkerhaft dem Scheiterhaufen

Gerade entgangen

 

Ja, sie dreht sich doch!

Und sein Flachmann war leer

(August 2013)

 

TORSCHLUSSPANIK

 

Samstags 

War der große Tag

Als wir noch Kinder waren

Der Tag der Beichte

 

Freitags 

Aber der größere

Der Tag des Stresses

Der Tag der Hektik

Noch schnellstens

So viel wie möglich

Zu sündigen

  

(August 2013)

 

GRENZENLOSE LIEBE

 

Man liebt sich unter Null

Man liebt sich im Uhrzeigersinn

Man liebt sich bei Aktiensturz

Man liebt sich kurz vor 12

Man liebt sich in Nowosibirsk

Man liebt sich auf dänisch

Man liebt sich im November

Man liebt sich nach der Pythagoras-Formel

Man liebt sich querfeldein

Man liebt sich im Schottenmuster

Man liebt sich bei der Tagesschau

Man liebt sich sogar dienstags

Man liebt sich gegen den Strich

Man liebt sich als La-Ola-Welle

Man liebt sich drei- bis vierstellig

Man liebt sich in hellgrün

Man liebt sich vor der Mona Lisa

Man liebt sich trotz Pollenflug

Man liebt sich Mitte rechts

Man liebt sich ohne W-LAN

Man liebt sich durchs Karibische Meer

Man liebt sich wie die Simpsons

Man liebt sich vakuumverpackt

Man liebt sich bei Richterskala 7,5

 

Sorry,

Nichts zu danken,

Aber man liebt sich eben!

(August 2013)

 

DIE TRAGÖDIE DES BRILLENTRÄGERS

 

Die Brille dient erstens zum Sehen

Und zweitens zum Verlorengehen

Nur irgendwo kurz liegen bleiben

Genügt zu diesem Zeitvertreiben

Man sucht, man sucht

Und flucht und flucht

Das Brillensuchen setzt dich matt

Denn finden kann

Man sie erst dann

Wenn man sie schon gefunden hat

 

(August 2013)

 

DAS BISSCHEN ZU VIEL

  

Es gab der Kassierer

Mir das Restgeld zurück

Und ich dachte an meinen Metzger:

Oder darf’s ein bisschen mehr sein?

 

Es bohrte der Zahnarzt

Mir am blanken Nerv

Und ich dachte an meinen Metzger:

Oder darf’s ein bisschen mehr sein?

 

Es kam die Blondine

Bauchfrei und Super-Minirock

Und es entfuhr mir unbedacht:

Ja, es dürfte ein bisschen mehr sein!

 

Aber da war das bisschen mehr

Des Guten zu viel

(August 2013)

 

RACHE

 

Ich kaufe mir

Auf deinen Namen

Vielleicht morgen schon

Einen Tief

 

Verflucht und verteufelt dich dann

Die halbe Welt

Sitze ich

Bei einem Glas Merlot-Wein

Am geöffneten Fenster

Und höre genüsslich zu 

(August 2013)

 

DER IN DIE OPER MITGESCHLEPPTE

  

Ich bin ein Mitgeschleppter

Ein in die Oper Mitgeschleppter

Parkett Reihe G / Stuhl 22

 

Man musiziert und singt Verdi

Oder Puccini

Oder Richard Wagner

Auf jeden Fall schrill und laut und schon seit 8 Uhr

Tamino, hieße er, der junge Prinz

Und „Dein Bildnis ist bezaubernd schön“

Seine schwitzende Tenor-Arie für Pamina

In E-Dur

Später käme es dann in d-Moll

Und auch viel prallbusiger

Mit der Königin der Nacht

Flüstert man mir zu

„Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“

Für zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Fagotte

Hörner, Pauken und Streicher

 

Ich bin ein Mitgeschleppter

Ein in die Oper Mitgeschleppter

Ein in die Oper mitgeschleppter Faszinierter

Heute Abend seit acht

Nach zwei Stunden schaue ich auf die Uhr

Es ist halb neun

 

(August 2013)