DIE KUSS-ENZYKLOPÄDIE

 

Ob spitzmündig, ob Wange-Wange,

Ob standardmäßig von der Stange

Als Erster, Zweiter oder Dritter

Als Rechtser, Linkser oder Mitter -

Wie man’s auch tut mich aufzutischen,

Bin immer nur das Ding dazwischen!

 

Ein voll-mit-Kaugummi-Verklebter

In-Pubertät-so-stolz-Erlebter,

Ein „Ach-schön-dich-zu-sehn!“-Begrüßer,

Ein schuldbewusst-für-alles-Büßer,

Ein Hinterabsicht-offizieller

Doch-formularlos-Antragsteller,

Ein im-Politiker-Geschwader

Mit weiten-Armen-Akkolader,

Für Kinder vielleicht nicht so lecker

Als immer-so-nach-Tante-Schmecker,

Ein Grippen-Schnupf’-und-andre-Dinger

Ganz-einfach-mündlich-Überbringer,

Ein von-der-Hand-gepustet-netter

Weit-über-Weit-Distanzen-Jetter,

Ein heute-noch-beschämt-Verwirrter

Weil-gestern-nach-obszön-Verirrter,

Ein mit-vier-Augen-Zugedrückter

Fürs-Hochzeitsfoto-soooo-Verzückter,

Ein rundum-feucht-genässter Schmatzer,

Ein dörrer-stoppelbärtig-Kratzer,

Ein dreist-mit-drallen-Lippen-Drängler,

Ein findig-Zungenspitzen-Schlängler,

Ein top-in-Lippenstift-Versierter,

Dann alla-bolognese-Verschmierter,

Ein schnulzig-Schnulzen-Quotenjäger,

Dabei Tortur für Brillenträger,

Ein sich-zum-Schummerlicht-Bekenner

Weil dort Ekstasen-Dauerbrenner

Und als unehrenhaft-Verdorb’ner

Dann am Erstickungstod-Gestorb’ner ....

 

(Juni 2014)

 

DIE REIHE

 

Ich bin der Sechste

Vor mir der 5.

Hinter mir der Siebte

Dann Nummer 8 und 9 und 10 bis zum Elften

Ein Neuling kommt hinzu

Drängt sich vor den Zweiten

Also einen zweiten 2.

Oder einen ersten Dritten?

Na ja ...

Der erste 2. knurrt und ist jetzt 3.

Der alte Dritte knurrt und wird neuer Vierter

U.s.w. u.s.f.

Dominoeffekt!

Jeder knurrt, denn jeder wird sich selbst +1

Und hinten knurrt der Letzte -

Er wird jetzt noch mehr Letzter

Unbarmherzig!

Solange bis der Allererste abtritt

Dann erreiht sich die Reihe wieder von vorne

Der Zweite ist nächster Erster

Der Dritte atmet auf - er wird jetzt 2.

Richtiger Zweiter

Ist ihm aber egal - er war es ja schon einmal

Der Ex-5. positioniert sich neu

Ich auch und zähle mit:

Die Zahlenfolge klappt, arithmetisch genau

Hinter mir und vor mir

Der Vierte wird Nummer 3

Der 8. wird Siebter

Der Vorletzte wird 10.

Der Letzte wird Vorletzter ---

 

Doch jetzt fehlt ein Allerletzter ...

(Juni 2014)

 

DURCH UND DURCH GESTORBEN

 

Man stirbt aus Familientradition

Man stirbt trotz Rechts-Vorfahrt

Man stirbt auch als Atheist – jedoch neugieriger

Man stirbt hinter dem %-Komma in der Statistik

Man stirbt gerade rechtzeitig zum Begräbnis

Man stirbt standardmäßig im Liegen oder Sitzen

Man stirbt auch im Stehen – aber meist nur kurz

Man stirbt aus Notwehr oder als Ausrede

Man stirbt weil „bis der Tod euch scheidet“

Man stirbt als Pedant Punkt 17.28 Uhr

Man stirbt sich bis zur Hölle, denn hier steppt der Bär !

Man stirbt auch an gesetzlichen Feiertagen

Man stirbt als Datum in der Genealogie

Man stirbt nicht immer, aber dann immer seltener

Man stirbt ohne Widerrufs- und Rückgaberecht

Man stirbt im Duell – aber nie als Zweiter

Man stirbt bürokratisch btr. o.g / u.U. & vgl. insb. Art.7a

Man stirbt ohne Ehrentitel und Medaillen

Man stirbt aber auch mit

Man stirbt an Lebensversicherung

Man stirbt und der Zeitungsroman ist noch nicht zu Ende

Man stirbt auf illegaler Matratze

Man stirbt vor der Erbtante

Man stirbt ohne backup

Man stirbt als Romeo – aber bitte dann auch Julia!

Man stirbt weil ... siehe Datum auf Deckel!

 

Man zerstirbt sich und zerstirbt sich

Und ist trotzdem dann nur tot

 

(Juni 2014)

 

IN RESOZIALISIERUNG

  

Die Scheidung hat zwei Scheidungsgründe:

Das Schnarchen und der Ehebruch.

Doch sei’s die Plage, sei’s die Sünde:

Ein Richterspruch ist Richterspruch.

 

Erschaffe notfalls dir den zweiten,

Denn würdest du auch suspendiert -

Du hättest dich als Stets-Bereiten

Schon vorher resozialisiert ...

(Mai 2014)

 

AUF POLYGLOTTISCH

 

Give me this night! – Ya tyebya lyublyu

Eg elska thig – Ti amo, ti voglio, mia bella

Wil je seks met mij?

Eu quero fazer amor contigo

Aime-moi – Se thelo - Also woast, i steh af di!

 

Schlimmstenfalls versteht es keine

Aber meist doch immer eine

Und im allerbesten Falle

Alle

 

(Mai 2014)

 

DIE KLAGE DES SITZPINKLERS

 

Sei’s der Soldat am Wolga-Strand

Zur Wache für sein Vaterland,

Man kennt das Männlein, still und stumm

Im Walde mit dem Mäntlein um,

Sogar auch Goethe’s armer Tor,

Der nun so klug war wie zuvor -

Wo echte Männer noch vorhanden

Da wurde jederzeit gestanden!

 

Zur warmen Sommerzeit da ließen

Sich Bienen von den Blüten schießen,

Im Winter waren in dem Schnee

Vor allem Künstler auf Tournee,

Verziert, verschnörkelt oder nur

Als Dreimal-Strich-Karikatur.

Noch heute geht’s zur späten Stunde

Allein und auch in froher Runde,

Ganz schnuppe wo, ob Baum ob Hecke

Denn Bier braucht nicht mal eine Ecke.

 

Seit jeher galt schon auf dem Klo

Das Gleiche wie in publico.

Hier kulminiert das Stehvermögen

Zwar nicht in kreiselnd-hohen Bögen,

Hier legt man an und zielt nach vorn,

Peilt über Kimme über Korn,

Hier glänzt des Schützen Hochbrillanz

Mit Präzision aus der Distanz.

 

All dies im Manne, hochverehrt,

Wird jetzt dem Mann jedoch verwehrt,

Denn echte Machos, raue Rocker,

Die rutschen ab als Brillenhocker.

Nein, nein, sie thronen nicht einmal,

Die Kerle kauern ganz banal

Und so wird still und leise dann

Die Gloria der Spezies Mann,

Mit Bein und Knien angewinkelt,

Nur einfach so dahin verpinkelt ...

 

(Mai 2014)

 

LEIDENSCHAFTLICH VERSCHLUCKT

 

Das Mädchen

Wollte ihn nur küssen, den Frosch,

Einen Prinzen erträumend

Gleich der Königs Tochter,

Deren goldene Kugel

In den Brunnen fiel

 

Aus dem Kuss wurde ein Zungenkuss

Ein sich züngelnder Zungenkuss

           (stürmische Überzeugungsarbeit)

Und jetzt hüstelt das Mädel,

Denn jetzt hat es ihn -

Nicht den Prinzen,

Aber den Frosch im Hals

(Februar 2014)

 

HOMO PEDANTICUS

 

Ein-nicht-fünf-vor-und-nicht-fünf-nach

Doch-punkt-zwölf-Uhr-zu-Mittag-Esser

Ein-niemals-nichts-im-Supermarkt

Auch-ohne-Spickpapier-Vergesser

 

Ein-jeden-Morgen-nackt-im-Bad

Sich-fünfzehn-Male-Beug-und-Strecker

Ein-früher-schon-stets-innerhalb

Des-Pulli-Kragens-Knutschbeflecker

 

Ein-erst-Schritt-eins-und-dann-Schritt-zwei

Nach-Abbildung-Krawattenbinder

Ein-selbst-bei-stärkrem-Blähungsdruck

Ganz-kniggehaft-kaum-hörbar-Winder

 

Ein-Blutwurst-Socken-Bleistift-Buch

Genau-im-rechten-Winkel-Leger

Ein-Bürgersteig-exakt-gemäß

Kadasterplan-bis-Nachbar-Feger

 

Ein-stets-vor-dem-Begattungs-Akt

Den-Ablauf-zeitlich-Diskutierer

Und-auf-dem-Nachttisch-Block-mit-rot

Die-Stellung- a – b – c – Skizzierer

Ein-währenddem-die-Kissen-noch

Geradlinig-Positionierer

 

Und-dann-nachher-laut-Sigmund-Freud

Den- Betten-Flop-Analysierer

(Januar 2014)

 

DIE ZEHN GEBOTE

  

Du sollst nicht Du sollst nicht

Du sollst hier nicht Du sollst da nicht

Ja, du sollst überhaupt überhaupt nicht

 

 Im Namen der Schicklichkeit und guter Sitte

 Erträgt man sie fügsam und fromm und geduldig -

 Doch Alternativen mit gleicher Rendite

 Ist Moses uns trotzdem bis heute noch schuldig

 

(Januar 2014)

 

ALLES VOLLBRACHT

  

Anfangs brachte sie mich noch

Um den Verstand

 

Nach und nach aber

Um mein Geld -

 

Ich sie gestern

Um die Ecke


(Dezember 2013)

 

AUCH MÄNNER LEIDEN

 

Männer hört man niemals klagen

Männer leiden rücksichtsvoll

Männer können Schmerz ertragen

Männer leiden einfach toll

 

Männer leiden ganz gediegen

Männer leiden innerlich

Männer leiden ganz verschwiegen

Männer leiden stumm für sich

 

Jede Frau ist zu beneiden

Dass sie einen haben kann

Mag er auch mit Qualen leiden -

Doch er leidet wie ein Mann!

(Dezember 2013)

 

ALLE LEITUNGEN SIND IM MOMENT BELEGT

  

Anno dazumal

Ging man ins Konzert

Ehrfurchtsvoll und in Schale

Vivaldi - Vier Jahreszeiten op. 8

Beethoven - Eroica op. 55

Tschaikowsky – Klavierkonzert Nr. 1 op. 23

 

Heutigentags

Greift man zum Handy

Wählt sich blindlings wahlweise blind rundum

Durch Behörden Firmen und solcherlei

Herr Müller, bitte? Herr Schulze, bitte?

Hoffend, dass irgendein Müller irgendein Schulze

Leider gerade genau jetzt Gott sei Dank

Mit einem Telefonat auf seiner Leitung sitzt

 

"Bitte haben Sie etwas Geduld ......"

Hat man.

Warteschleife Hochkultur!

 

Vivaldi - Vier Jahreszeiten op. 8

Beethoven - Eroica op. 55

Tschaikowsky – Klavierkonzert Nr. 1 op. 23

 

Kein hüsteltendes Räuspern von links

Kein falsches Mitgesumme von rechts

Kein Aufstehen, kein Knie-Quetschen

Wegen des obligaten Zu-spät-Kommers

Bis dann dieser Müller, dieser Schulze

Sich trotzdem noch meldet

Ja bitte, Müller hier, ja bitte, Schulze hier ...

Dieser Kulturbarbar !

Dieser hinterwäldnerischer!

DIESER ZUM TEUFEL NOCH MAL !!

 

So bricht man ab

Erbost indigniert –

Beim nächsten Konzert

Schalte ich mein Handy

Kurzerhand

Aus

(November 2013)